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Sie wollten Freiheit und Menschenwürde

„Kommen Sie mit zur Klärung eines Sachverhalts!“ Diese harmlos klingende Aufforderung markierte für viele Menschen den Beginn einer Tortur. Auf die Festnahmen folgten Transport und Verhör in eine von 17 Untersuchungsanstalten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR. Wobei das Ziel des Transports für die betroffenen Menschen unbekannt war. Am 18. Dezember nahmen die Geschichtskurse des Jahrganges 12 an einer Führung durch die ehemalige Untersuchungshaftanstalt (UHA) Erfurts teil. Dieser authentische Ort erinnert einerseits an die Unterdrückung von Menschen und andererseits an den Widerstand der Bevölkerung während der SED-Diktatur in Thüringen. Die Grundlagen der MfS-Untersuchungsanstalt basierten auf drei wesentlichen Prinzipien, die sich in allen UHA des MfS der ehemaligen DDR widerspiegeln: Isolation, Desorientierung und Desinformation. Durch dieses ineinandergreifende Konstrukt war es dem MfS möglich, innerhalb kurzer Zeit die psychische Verfassung des Inhaftierten so stark zu schädigen, ihn und seinen freien Willen zu brechen, um ihn zu Aussagen zu bewegen. Von 1952 bis 1989 teilten sich das Ministerium des Inneren (Volkspolizei) und das MfS die Untersuchungsanstalt. Im Erdgeschoss waren kriminelle Häftlinge, im 1. und 2. Obergeschoss die politischen Häftlinge platziert. Die Offiziere und Inoffiziellen Mitarbeiter des MfS waren für die beiden Obergeschosse zuständig.

Politische Häftlinge verbrachten in der UHA-Erfurt im Durchschnitt 3 bis 8 Monate. Sie ertrugen Dauerverhöre von bis zu 20 Stunden, Isolation, Drohungen und menschenunwürdige Demütigungen. Das Wachpersonal entwürdigte und beraubte die politischen Häftlinge durch das Umbenennen ihrer selbst in eine Nummer (VR 36 IV -Verwahrraum 36, Bett 4), ihrer Individualität. Die Vernehmung der Inhaftierten wurden von den Offizieren des MfS geleitet, folglich gab es keine Teilung zwischen den Sicherheitsorganen: Geheimdienst und Justiz.

Während unseres Aufenthalts, erarbeiteten wir jeweils zu zweit für unsere Klassenkameraden Vorträge zu Teilthemen der DDR. So erfuhren wir u.a. von den Maßnahmen der Bespitzelung und der Kontrolle des MfS, die Kontrolle der Grenzen, der Planwirtschaft und der sozialistischen Erziehung der kommunistischen Jugend.

Das Zentralkomitee der SED kontrollierte von Ostberlin aus die ganze DDR. Ob Schule, Jugendorganisationen, Betrieb, Presse, Wirtschaft, Verwaltung oder Justiz: Die Fäden wurden von Funktionären der SED oder Vertreter der von ihr gelenkten Blockparteien und Massenorganisationen gezogen. Die Mitglieder der SED webten in 40 Jahren ein großes Netz mit dem Ziel den Staat der DDR beziehungsweiße die Menschen und vor allem die Jugend nach ihren Vorstellungen zu erziehen und zu kontrollieren. Sie spannen die Fäden über das ganze Land.

Dennoch stand die Mehrheit nicht hinter der kommunistischen Staatspartei. Trotz vielfacher Anpassung und vorhandener Linientreue wuchsen Eigensinn, Widerstand und schlussendlich Opposition. Je heftiger die Gegner bzw. Opfer gegen die kommunistische Staatspartei rebellierten, desto mehr verfingen sie sich im Netz der SED und wurden von ihr entfernt. Folglich lag ihre Zukunft nicht mehr in ihren eigenen Händen, sondern in denen des MfS. Nur durch die gemeinsamen Bewegungen im Netz, konnte während der Friedlichen Revolution von 1989 das „Spinnennetz“ der DDR durchbrochen werden. Auch in der MfS-Untersuchungsanstalt konnten die Fäden des Staates aufgelöst werden.

Am 4. Dezember 1989 triumphierte die Freiheit: Couragierte Bürger besetzten erstmals die Erfurter Bezirksverwaltung des MfS in der Andreasstraße.

Von außen erinnern heute Gedenktafeln an die schlimmen, menschenunwürdigen Verhältnisse unter denen die politischen Häftlinge leben mussten. Ihre Taten verdeutlichen ihren Wunsch nach Freiheit und Menschenwürde. Die Aufgabe der heutigen Generationen soll und muss es sein, diese Grundsätze zu sichern und unsere Demokratie zu schützen. Denn selbst die schlechteste Demokratie ist besser als die beste Diktatur.

Die Exkursion hat uns sehr bereichert. Danke an die Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt für die detaillierte Führung und das Projekt und an unsere Lehrer Frau Luther, Frau Ruhl, Frau Smuda, Frau Korinth und Frau Rohbock.